Winterwanderung zur Fodara Vedla und auf die Sennes-Hochfläche auf 2116 Metern
Manche Tage bleiben, ohne sich aufzudrängen. Sie wirken nicht durch besondere Ereignisse oder spektakuläre Erlebnisse, sondern durch Klarheit, Ruhe und innere Stimmigkeit. Der 10. Dezember 2025 war ein solcher Tag. Eine Winterwanderung in den Dolomiten, bewusst außerhalb der Saison, ohne Betrieb und ohne Ablenkung. Stattdessen prägten Sonne und Schnee eine winterliche Landschaft, die durch ihre Ruhe und Offenheit einen bleibenden Eindruck hinterließ.
Aufbruch vom Campingplatz in St. Vigil
Ausgangspunkt unserer Wanderung war der Campingplatz in St. Vigil in Enneberg. Anfang Dezember liegt der Ort bereits in winterlicher Zurückhaltung. Die Skisaison hat noch nicht begonnen, viele Unterkünfte sind geschlossen, das Dorf wirkt gesammelt und ruhig. Gerade dieser Zeitraum zwischen Spätherbst und Weihnachten besitzt eine eigene Qualität. Wer jetzt unterwegs ist, entscheidet sich bewusst dafür.
Für die Anfahrt nutzten wir den Linienbus, der durch das Rautal hinauf nach Pederü fährt. Die schmale Bergstraße ist mautpflichtig und im Winter nicht immer problemlos zu befahren. Der Bus nimmt diese Unsicherheit ab und erlaubt es zugleich, sich bereits während der Fahrt auf Landschaft und Weg einzustimmen.
Mit jedem Kilometer wurde das Tal enger. Die Felswände rückten näher zusammen, der Schnee nahm sichtbar zu, und die Sonne erreichte den Talboden nur noch stellenweise. Pederü liegt am Ende des Tales und markiert einen klaren Übergang. Hinter dem Berggasthaus endet die Straße, ab hier beginnt das Gelände, das wieder dem Gehen gehört und für Fahrzeuge gesperrt ist.
Der Anstieg auf Weg Nummer 7 zur Senneshütte

Direkt neben dem Berggasthaus Pederü beginnt der Weg Nummer 7. Ein Schotterweg, der in engen Kehren in die Felsen gebaut wurde und rasch an Höhe gewinnt. Seine Trasse geht auf den Ersten Weltkrieg zurück, als hier eine Versorgungsroute angelegt wurde, um Material und Ausrüstung in die hoch gelegenen Stellungen auf der Sennes-Hochfläche zu bringen.
Schon die ersten Meter machen deutlich, dass dieser Abschnitt Konzentration verlangt. Der Anstieg ist gleichmäßig steil und fordert einen ruhigen, gleichmäßigen Rhythmus. Im Winter verändert sich der Charakter des Weges deutlich. Der Schotter verschwindet unter einer geschlossenen Schneedecke, die Linienführung ist nur noch angedeutet. Trittsicherheit ist hier selbstverständlich, ebenso eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. Technisch bleibt der Weg einfach, doch die Steigung ist bei winterlichen Bedingungen durch das Eis unter dem Schnee ohne Steigeisen eine Herausforderung.
Die Umgebung war still. Kein Verkehr, keine Stimmen, kein künstlicher Lärm. Nur das Knirschen des Schnees unter den Schuhen und der eigene Atem begleiteten den Aufstieg. Eine perfekte Winterwanderung. Die Sonne beleuchtete die gegenüberliegenden Felswände, während der Weg selbst noch im Schatten lag. Diese Kontraste verstärkten das Gefühl, sich Schritt für Schritt aus dem Tal zu lösen.

Winterwanderung Weg Nummer 9 und die Fodara Vedla
Mit zunehmender Höhe flacht der Weg allmählich ab. Der Übergang vom steileren Weg Nummer 7 zum breiteren Weg Nummer 9 geschieht beinahe unmerklich. Die Landschaft öffnet sich, das Gelände wird weiter und übersichtlicher. Erste Ausblicke auf die Hochfläche von Fodara Vedla werden möglich.
Kurz darauf erscheint das kleine Almdorf mit der Fodara-Hütte. Auch ohne Betrieb besitzt dieser Ort eine besondere Präsenz. Die Gebäude liegen geschützt in einer Mulde, die Dächer sind schwer vom Schnee bedeckt, Fenster und Türen geschlossen. In der Saison ist die Fodara-Hütte bekannt für ihre Lage und ihre bodenständige Südtiroler Küche. An diesem Tag jedoch blieb es bei einer stillen Begegnung.
Gerade die Abwesenheit von Betrieb ließ den Ort unverstellt wirken. Ohne offene Türen und ohne Geräuschkulisse trat die Alm wieder als das hervor, was sie ist. Ein Teil einer gewachsenen Kulturlandschaft, entstanden aus Arbeit und Nutzung, nicht aus touristischer Funktion.
Über die Hochfläche geht unsere Winterwanderung Richtung Sennes
Von der Fodara Vedla führt der breite Wanderweg weiter in Richtung Senes. Im Sommer ein sanft verlaufender Almweg, im Winter eine helle Spur durch eine weite Schneelandschaft. Die Hochfläche wirkt offen und ruhig, fast zeitlos in ihrer Struktur.
Wir folgten dem Hauptweg und verzichteten bewusst auf die steileren Varianten des Steigs Nummer 7. Die Entscheidung fiel nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Respekt vor den winterlichen Bedingungen. Die Sonne stand nun hoch genug, um die Fläche vollständig zu beleuchten. Der Schnee reflektierte das Licht, die Sicht war außergewöhnlich klar.
Die umliegenden Dolomitengipfel zeigten sich in großer Deutlichkeit. Die Hohe Gaisl prägt den Horizont, flankiert von Cristallo, Sorapis und den Tofanen. Im Hintergrund erhebt sich der Muntejela de Senes, weniger auffällig, aber fest in der Landschaft verankert.
Gerade im Winter wird sichtbar, welche Größe diese Hochfläche hat. Sie wirkt freundlich und offen, verlangt jedoch Aufmerksamkeit, nicht vom Weg abzukommen und in einem der Schneelöcher einzusinken.
Die Senneshütte auf 2116 Metern
Auf 2116 Metern Höhe erreichten wir schließlich die Senneshütte. In der Saison ist sie ein zentraler Treffpunkt für Wanderer und Mountainbiker, bekannt für ihre große Terrasse und eine verlässliche Küche. An diesem Tag jedoch war die Hütte geschlossen. Die Wintersaison beginnt hier erst kurz nach Weihnachten, und wir waren bewusst früher unterwegs.
Enttäuschung stellte sich nicht ein. Die geschlossene Hütte verstärkte vielmehr das Gefühl, wirklich allein in der Landschaft zu sein. Wir suchten uns einen geschützten Platz im Schnee, setzten uns in die Sonne und ließen den Blick über die umliegenden Gipfel schweifen.
Ohne Zeitdruck und ohne Erwartung entstand ein Moment, der nachwirkt. Solche Augenblicke können nicht geplant werden. Sie ergeben sich, wenn Ort, Wetter und Zeitpunkt zusammenpassen und man bereit ist, nichts weiter zu verlangen.

Rückweg nach Pederü
Für den Rückweg wählten wir im Wesentlichen den gleichen Weg wie beim Aufstieg. Alternativ hätten die Wege Nummer 7A und 7 zur Verfügung gestanden, doch angesichts der Schneelage und der fortgeschrittenen Tageszeit war die vertraute Route die sinnvolle Wahl.
Der Abstieg verlangte jedoch mehr Aufmerksamkeit durch das Eis, was unter dem Schnee auf dem Weg stellenweise war. Hier sind Steigeisen unter den Schuhsohlen zu empfehlen. Die Sonne stand bereits tief, die Schatten wurden länger, und die Temperaturen sanken spürbar. Der Weg war gut erkennbar. Schritt für Schritt führte der Pfad zurück ins Tal.
Als wir Pederü wieder erreichten, lag das Tal bereits im Schatten. Der Bus brachte uns zurück nach St. Vigil, wo der Tag in stiller Zufriedenheit endete.
Ein Tag außerhalb des Betriebs
Diese Winterwanderung war kein außergewöhnliches Unterfangen im sportlichen Sinn. Sie verlangte keine Grenzerfahrung und keine besonderen technischen Fähigkeiten. Ihr Wert lag im bewussten Unterwegssein ohne Zugeständnisse an Komfort oder Ablauf.
Pederü, Fodara Vedla und die Sennes-Hochfläche zeigen im Winter ihre ruhige und schöne Seite. Wer bereit ist, auf geöffnete Hütten zu verzichten und sich auf die Bedingungen einzulassen, erlebt eine Landschaft, die Klarheit vermittelt und lange im Gedächtnis bleibt.
Der 10. Dezember 2025 war ein solcher Tag. Still, sonnig und getragen von einer winterlichen Ruhe, die nicht erklärt werden muss.
